Fremdgehen funktioniert überall. Das habe ich letztes Wochenende am Strand auf Rügen festgestellt. Ich hatte unerwartet viel Spaß, habe viele meiner Vorurteile über den Haufen geworfen und mich über mich selbst gewundert. Warum habe ich es nicht schön früher getan? Wieso war ich so lange so treu? Was hat mich davon abgehalten Mal kurz was anderes auszuprobieren? Außer buchstäblich über meinen Schatten zu springen, musste ich nicht viel tun. Und es hat sich gelohnt.

Doch erst mal eins nach dem anderen: Ich schreibe heute über das Fremdgehen bei Dingen, die nur bedingt was mit dem humanoiden Fremdgehen in der Partnerschaft zu tun haben. Ich schreibe heute über das Fremdgehen bei Marken. Während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich: Spricht man überhaupt von „Fremdgehen“, wenn ich Mal eben eine andere Marke ausprobiere und meiner Marke quasi dann per Definition nicht treu bin?

Parken wir diesen Gedanken.

Wie alles begann:

Letztes Wochenende war ich auf einem Kite-Festival. Diejenigen die mich kennen wissen, dass ich so viel kite wie es mein Beruf, die Zeit und der Wind zulässt. Dann bin ich jede mögliche Minute auf dem Wasser. Ein Freund rief an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, spontan in den Osten zu kommen. Der Wind sei gut, Corona bedingt sind die Campingplätze etwas schwieriger zu buchen, aber er hätte noch eine Parzelle für meinen Bus. Ich war noch nie auf Rügen, prüfte schnell mit meiner App den Wind und schon war ich mit meinem Hund unterwegs Richtung Stralsund.

Seit mehreren Jahren fliege ich eine Marke und bin „meiner“ Marke treu. Nennen wir sie „MegaKite“. Ich besuche Veranstaltungen, like, teile und kommentiere auf diversen Social Media Plattformen die Beiträge und fühle mich in „meiner“ Community pudelwohl. Im Leben nicht würde ich jemals meine Marke wechseln. Ich bin happy, werde gut behandelt und fühle mich jedes Mal bestätigt, wenn ich Artikel von Anderen über mein Material lese. Der Support ist gut. Geht einmal was kaputt muss ich zwar viel hin und her telefonieren, Mails schreiben und ggf. Mal einen bösen Kommentar auf Facebook hinterlassen – aber in der Regel findet sich eine Lösung.

Angekommen war der Wind noch nicht da. Der kam erst am Folgetag. Also hatte ich genug Zeit mir das Festival Gelände anzusehen. Einige Kite-Aussteller waren vertreten. Mit dem Pflicht-Outfit (Kurze Hosen, Flipflops, cooles Shirt und Pflicht-Brand-Schirmmütze) ausgestattet, pries jeder Hersteller die Vorteile seiner Firma an. Meine Marke war nicht dabei. Dieses Festival war für sie nicht „groß /wichtig/interessant“ genug.

Die Sonne schien und nach einer leckeren Wurst, einem fluffigen Crêpe und einem kleinen Spaziergang mit meinem Hund ging ich auf das Test-Gelände. Ähnlich wie bei einer Messe, treffe ich auf solchen Veranstaltungen häufig gleiche Gesichter. Man kennt, schätzt und mag sich.

Mein Blick muss irgendwie haften geblieben sein. An was kann ich nicht genau sagen. Es war die Form eines Kites vielleicht. Oder die Farbe. Vielleicht war es auch das Design des Boards. Es erinnerte mich an was. Ich konnte es nur noch nicht zuordnen. Kaum stand ich also neben diesem blauen Kite, kam auch schon der Vertreter der Firma – nennen wir sie „SuperKite“.

Was bitte mache ich bei SuperKite? Ich bin doch MegaKite-Flieger. Verflixt! Und davon laufen ist ja nicht ganz so Gladiator-Style, also blieb ich stehen und erwiderte das freundliche „Hallo“ mit einem fast freundlichem „Moin“. Wir Nordlichter dürfen das. Ich sowieso.

Der nette Vertreter sagte genau nix. Er stand da und schaute sich mit mir den Kite an. Wir starren und schwiegen.

Mein Hund rettet mich, den er zog an der Leine. Also lächelte ich fast freundlich und ging. Der freundliche Vertreter rief mir hinterher: „Komm Morgen vorbei. Dann kannst Du ihn gerne testen“. „Nein, aber Danke!“ rief ich.

Lass mich in Ruhe, Du Ar***

Was fiel diesem impertinenten Menschen ein? Ich bin (sichtbar mit einem MegaKite Shirt!) nicht interessiert.

Und doch lies mich der Kite nicht los. Der sah verdammt gut aus. Von der Form her konnte ich erkennen, dass er sich sicherlich gut fliegen lies. Vielleicht würde ich es probieren. Ich richte keinen Schaden an und von „MegaKite“ war leider keiner da.

Am Folgetag hatten wir fantastischen Wind. Ich nahm mein „MegaKite“ Material mit an den Strand und war auf und dran es aufzubauen, da kam der „SuperKite“ Vertreter auf mich zu. „Ich habe Dir Deinen Kite schon fertig gemacht. Das Board und die Leinen sind auch schon fertig.“

Was fiel diesem Pinsel ein? Erneut war ich unverkennbar mit meinem MegaKite Outfit gerade dabei mein Material fertig zu machen. So eine Frechheit!

Oder?

Ich schaute rüber zum SuperKite Material. „Dein Kite ist neu. Ich habe ihn frisch aus der Box genommen. Er fliegt mit Dir zum ersten Mal. Er wartet und freut sich auf Dich“. Ich wollte es zwar nicht, aber ich lächelte. Verdammte Mundwinkel! Bleibt unten! „Aber nur unter einer Bedingung“, sagte ich, „Du machst mein MegaKite Material fertig“. „Wirst Du zwar nicht brauchen, aber geht Klar“. 

Prima. Der SuperKite Anbieter macht mein Material fertig und ich kann so lange das Wasser und den Sport testen. Was soll’s. Ich fliege ein paar Züge, stelle fest das Ding ist doof und fliege dann weiter mit meinem Material. Ich fliege doch seit Jahren das beste Material auf dem Markt! Also gut – Ich verbrenne keine Ressourcen beim Aufbau. Wenigstens was.

Kaum flog der Schirm in die Höhe, merkte ich, wie leicht sich das Material anfühlte. Komplett anders, als ich erwartet hatte. Im Wasser angekommen nahm ich das Board an die Füße und sie glitten mühelos hinein. Bei meinem Material muss ich immer noch ein wenig kämpfen. Als ich ins Gleiten kam und meine ersten Sprünge machte (ich springe nicht besonders hoch), trug mich der Kite wie eine Wolke. Komplett anders, als ich es gewohnt war. Bei meinem Kite muss ich deutlich mehr „arbeiten“.

Konnte das sein?

Ich verbrachte knapp drei Stunden auf dem Wasser mit dem SuperKite Material. Jeder Sprung, jeder Trick, alles was ich ausprobierte klappte nahezu auf Anhieb. Besser noch: Ich probierte auch neue Dinge aus und auch diese funktionierten nach einigen Anläufen. Der Kite verzieh mir kleinere Fehler, etwas dass ich von meinem Material nicht kannte. Er flog sich sehr ruhig und auch bei Böen zickte er nicht. Auch das kannte ich nicht.

Um es kurz zu machen: Ich habe mir den Kite, das Board und die Bar gekauft. Dazu noch eine Visitenkarte des Vertreters mit seiner Nummer und seiner Mailadresse. Ich könnte ihn jederzeit kontaktieren, wenn was sein sollte. Zusätzlich habe ich als Geschenk ich ein T-Shirt, eine Kappe (nutze ich nie), Flipflops und einen Becher bekommen. Der Becher ist jetzt in meinem Büro und ich trinke seit einer Woche jeden Morgen meinen Tee daraus.

Fazit:

  • Keine Veranstaltung sollte Ihnen „zu klein“ oder „zu unwichtig“ sein, wenn Ihre Zielgruppe sich dort aufhält.
  • Seien Sie insbesondere dort, wo sich der Wettbewerb aufhält.
  • Ihre besten und stärksten Kunden können jederzeit zum Wettbewerb wechseln, auch wenn Sie (fast) alles richtig machen.
  • Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, sagt ein Sprichwort. In meinem Fall ist es sogar so, dass der Becher mich daran erinnert meine Vorurteile regelmäßig zu überprüfen. So umgehe ich die Gefahr, meine Welt künstlich klein zu machen. Übrigens: Von MegaKite habe ich noch nie was geschenkt bekommen. Nicht Mal eine Mail zum Geburtstag.

Bonus:

Geben Sie Ihren Kunden – sofern Möglich – einen konkreten Ansprechpartner, den sie jederzeit kontaktieren könn(t)en und sorgen Sie dafür, dass alle Anfragen beantwortet werden. 

PS: Der SuperKite Vertreter hat sich nach meinem Kauf persönlich bei mir gemeldet. Er hat sich erkundigt, ob ich mit meinem Kauf zufrieden bin und mich zum nächsten Festival eingeladen. Als „kleine AufmerksamKITE“ gibt es dieses Mal kein Shirt, keine Flipflops und auch keine Becher – Sondern etwas mit für mich deutlich mehr Mehrwert: Eine kostenlose Übernachtung auf dem Campingplatz. Ich lasse mein MegaKite Material übrigens nicht zu Hause. Und ich freue mich sehr, dass ich „Fremd“ gegangen bin.

Dieser Blogbeitrag ist ursprünglich auf LinkedIn erschienen. Hier der Link

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